Ausgabe 16 vom April 2004
Schmucker Zug mit 2-Achsern und dem 4-achs. Radwagen als Morgenzug von Litschau nach Gmünd kurz vor der ehemaligen Halte– und Ladestelle Brand.
Martin
Morgenzug nach Gmünd, Martin Geyer
Wenn zwei eine Reise tun...

Litschauer Erdäpfelfest
Wie bereits des Öfteren erwähnt, ist zwar die MzB die Königin der Schmalspurbahnen, doch verkehren auch in anderen Regionen schöne Bahnen, und so begab es sich eines schönen Herbsttages im dritten Jahr dieses Jahrtausends, dass gleich zwei Freunde der MzB auf Entdeckungsreise ins Waldviertel aufbrachen, um den dortigen Schmalspurbahnen einen Besuch abzustatten. Genau genommen wollten sie den Nordast derselben bereisen, denn im fernen Litschau beging man das Erdäpfelfest, wo sich nicht nur die Bürger aus den verschiedenen Orten der Region einfanden, um dieses Fest mit Speis und Trank sowie einem großen Umzug würdig zu begehen, sondern auch die Bahn als ein wesentlicher Bestandteil dieser Region mit einbezogen wurde. Schon in den letzten Jahren des alten Jahrtausends ward man sich der Bahn als Attraktion und Teil der Region bewusst, und so war es nur logisch, dass auch die Bahn das Ihre zum Gelingen dieses Festes beitragen würde. Wenngleich sie auch nicht mehr im Planbetrieb Güter und Personen an ihr Ziel befördern darf, so wurde sie als Erlebnisbahn in Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden, den ÖBB und der NÖVOG zu neuem Leben erweckt, und sie lebt, man wäre fast versucht, zu sagen sie sei lebendiger als je zuvor.
Doch kehren wir nun zurück zu der Reise der beiden Freunde der MzB, welche auch an diesem Fest teilhaben wollten. Zu diesem Zwecke traf man sich zu früher Stunde am Bahnhof von Alt Nagelberg. Hier teilt sich die Strecke, weshalb es genau genommen ja zwei Nordäste gibt, denn nicht nur nach Litschau kann man von dort reisen, nein, es gibt auch eine Strecke nach Heidenreichstein. Diese Strecke wird bereits seit geraumer Zeit vom Waldviertler Schmalspurbahnverein betrieben, und wenngleich es in Heidenreichstein kein Fest gab, weil die Bürger dieses Landstriches mit den Litschauern feierten, so konnte man auch auf diesem Teil der Strecke reisen und bei dieser Gelegenheit auch gleich einem befreundeten Verein einen schon lange fälligen Besuch abstatten. Das erste Stück legten unsere beiden Reisenden jedoch mit dem Auto zurück, wobei sich so ganz nebenbei die Möglichkeit ergab, in Brand den Frühzug von Litschau nach Gmünd auf Zelluloid zu bannen. Dieser Zug war jedoch ziemlich schwach besetzt, was ganz und gar nicht zum festlichen Anlass passen wollte, seinen Grund aber wohl darin hatte, dass es an diesem Tag keinen Anschluss nach Groß Gerungs gab. In Heidenreichstein stand der Zug nach Alt Nagelberg schon bereit, allerdings waren auch hier unsere beiden Reisenden ziemlich allein, lediglich ein Filmteam drehte auf dem Bahnhof und später auch im Zug einige Szenen für einen Film über alle Schmalspurbahnen Österreichs, was allerdings die Fototätigkeit der anderen Anwesenden einigermaßen einschränkte.

Pünktlich setzte sich der Zug in Bewegung, wollte man doch in Alt Nagelberg mit dem Zug nach Litschau zusammentreffen und eine Wettfahrt veranstalten. Dafür war freilich noch das Umspannen des WSV-Zuges in Alt Nagelberg erforderlich. Und tatsächlich klappte die Wettfahrt, sehr zur Begeisterung der zahlreichen Fahrgäste. Ganz genau, der zahlreichen Fahrgäste, denn mit dem Zug von Gmünd waren doch an die einhundert Reisende gekommen, und das in lediglich drei Sitzwagen. Mehr Wagen konnte man allerdings nicht anhängen, denn die anderen fuhren an diesem Tag nach Groß Gerungs, weshalb man dorthin auch mit 399.04 und 2095.12 in Doppeltraktion fuhr, während nach Litschau die 2095.14 ihre Wagen zog, welche da außerdem auch noch das Jausenstüberl, ein Dienstwagen und ein Radwagen waren. Der Radwagen tarnt sich allerdings als ordinärer Güterwagen und glänzt in schlichtem Braun, während man andernorts die Radwagen doch alle blau angefärbelt hat. Die Fotografen werden es allerdings danken, denn so passt der Wagen hervorragend zu den anderen Wagen und lässt Erinnerungen an einen guten, alten GmP wach werden.

An jenem Ort, an dem sich die beiden Strecken trennen, hielt man an, damit das Reisepublikum in den jeweils anderen Zug umsteigen konnte. Nun, eigentlich sollte man annehmen, dass man dieses auch im Bahnhof Alt Nagelberg tun kann, doch gibt es hier Parallelen zur Taurachbahn (siehe "Voller Zug", Nr. 14), denn den Zügen von Heidenreichstein bleibt die Einfahrt nach Alt Nagelberg verwehrt, und so musste man kurz vor dem Bahnhof mittels einer Weiche und eines Stumpfgleises wenden. Unsere beiden Ausflügler waren nun bei weitem nicht mehr allein im Zug, als sie wieder zurück nach Heidenreichstein fuhren. Als ob der Filmverbrauch nicht ohnehin schon groß genug gewesen wäre, gab es auch noch einen Fotohalt mit Scheinanfahrt. Eine große Schar von Fotografen war es, die da den Zug verließ und sich ein Bild von der Vorbeifahrt des Zuges machte.

Nach der Rückkehr nach Heidenreichstein begab man sich dann endlich nach Litschau, allerdings per Automobil. Den Zug fand man einsam und verlassen, denn die Fahrgäste waren wohl alle beim Fest, wohin sich unsere beiden Ausflügler auch begaben, allerdings erst, nachdem sie den Zug ausgiebig und von allen Seiten fotografiert hatten. Aber wenn er sich schon gar so schön im besten Sonnenlicht präsentiert, muss man diese Gelegenheit ganz einfach nützen! Im Ortszentrum von Litschau hatte das Fest noch gar nicht richtig begonnen, und dennoch waren bereits zahlreiche Besucher dort versammelt. Allerdings versteht man es hier nicht nur zu feiern, sondern auch zu werben. Schon in Alt Nagelberg waren die großen Tafeln aufgefallen, die es an jedem Bahnhof im Waldviertel gibt und die kurz, aber übersichtlich alles Wesentliche darstellen. Jeder Ort wird da mit zwei Bildern und einem ganz kurzen, aber informativen Text vorgestellt. Außerdem ist auch der Fahrplan, schön übersichtlich geteilt in Werktag und Wochenende, sowohl von Bahn als auch von Bus angeführt.

Von so viel schöner Werbung schwer beeindruckt, wanderten die beiden Freunde der MzB wieder zum Bahnhof, wo sich gerade die große Parade für den Festumzug formierte, und so gab es jede Menge bunt geschmückter Gespanne zu bewundern. Wenig überraschend, diese kamen aus der näheren und weiteren Umgebung, alle waren gekommen, um mit den Litschauern zusammen zu feiern. Wie man allerdings vernahm, ist das in dieser Gegend aber gar nicht so selten, dass man mit dem Nachbarn feiert, es gibt ja genügend Orte, deren Bürger sich dann eben einmal da und einmal dort treffen, um ihre Feste gemeinsam zu begehen...

Doch irgendwann geht auch das schönste Fest zu Ende, oder zumindest soll man ja gerade dann ans Heimgehen, oder in diesem Fall ans Heimfahren, denken, wenn es am schönsten ist. Jedenfalls war es Zeit für die Rückfahrt nach Gmünd, oder, wie für unsere beiden Reisenden, Zeit zur Abfahrt. Diese beiden hatten sich ja vorgenommen, in der verkehrten Richtung zu fahren und mit dem letzten Zug von Gmünd nach Litschau zurückzukehren. Langsam füllte sich der Zug, wobei füllen durchaus wörtlich zu verstehen ist, denn es fanden sich an die 80 Reisewillige am Bahnhof ein. Aber bei Zweiachsern ist das nicht so schlimm, wenn der Zug voll ist, denn es soll ja tatsächlich Leute geben, die auf einen gepolsterten Sitzplatz im Wagen verzichten und lieber auf der offenen Plattform stehen, das noch dazu freiwillig und um das selbe Geld. Schon seltsam, was man auf so einer Reise alles erleben kann!
Phase 1 der Umstellung, Wolfgang Burger


Phase 2 der Umstellung, Wolfgang Burger


Phase 3 der Umstellung, Wolfgang Burger

Nach Ankunft des 1. Zuges aus Heidenreichstein wird die Lok von den Wagen abgekuppelt und auf dem Stumpfgleis abgestellt. Anschließend werden die Wagen händisch über die Weiche bewegt und die Lok an die nunmehrige Zugspitze gereiht.
Fotos: Wolfgang Burger


Doppelausfahrt in Altnagelberg, Martin Geyer

Doppelausfahrt in Alt Nagelberg
Links die 170.1 des WSV auf dem Weg nach Heidenreichstein, rechts die 2095.014 auf dem Weg nach Litschau.
Foto: Martin


Nachmittagszug in Litschau, Martin Geyer

Das Bild rechts zeigt den Nachmittagszug in Litschau während der Mittagspause.
Das Bahnhofsgebäude gehört der Gemeinde Litschau und dient als Veranstaltungslokal
Foto: Martin
In Alt Nagelberg trafen zum zweiten Mal an diesem Tag die Züge aus Litschau und Heidenreichstein aufeinander, und wieder gab es eine kleine Wettfahrt, ehe zahlreiche Fahrgäste aus Heidenreichstein in den Zug in Richtung Gmünd umstiegen, wodurch Sitzplätze nun endgültig und unwiderruflich zur Mangelware wurden, kein Wunder bei über einhundert Personen!

Pünktlich erreichte der Zug Gmünd. Während es für die meisten Fahrgäste an der Zeit war, Abschied zu nehmen, wanderten einige Eisenbahnfreunde in Richtung Heizhaus. Viel gab es dort allerdings nicht zu sehen, denn die anderen betriebsfähigen Fahrzeuge waren, wie bereits erwähnt, in Richtung Groß Gerungs ausgeflogen, und die beiden 399er, die zur Ausbesserung in Gmünd weilen, waren gut versperrt in der Werkstätte abgestellt, lediglich ein Tender harrte der Abbildung durch die Fotografen.

Schließlich war es an der Zeit, wieder in Richtung Litschau aufzubrechen, und, ganz im Gegensatz zum Morgen, fanden sich etwa 30 Reisende ein, was für diesen Abendzug auch durchaus respektabel war. In Alt Nagelberg sollte es schließlich zum dritten Treffen der beiden Züge kommen, doch hatte offensichtlich der Zug aus Heidenreichstein Verspätung, und unsere beiden Ausflügler kamen zur Ansicht, dass es doch eine gute Entscheidung gewesen war, ein Auto in Alt Nagelberg abzustellen. Man weiß ja schließlich nie, was passiert, und die beiden wollten ja am Abend noch nach Hause fahren, wenngleich die Region sicher nicht böse über zwei zusätzliche Übernachtungen gewesen wäre. Aber schlussendlich trafen die beiden Züge an der Streckengabelung doch noch zusammen.

An und für sich kehrt der Zug am Abend leer von Litschau nach Gmünd zurück, doch würde man sich des Öfteren so viele Fahrgäste wünschen wie sie in diesem Leerzug reisten. Aber so ist das nun mal, erst nimmt man einen Fahrgast inoffiziell mit, dann zwei, dann drei, irgendwann sind es dann dreißig oder noch mehr, und man kann diesen Zug ganz offiziell in den Fahrplan aufnehmen. Zusätzliche Kosten entstehen dadurch keine, bestenfalls zusätzliche Einnahmen! Die beiden Freunde der Mariazellerbahn bestiegen jedoch ihre Benzinkutschen und begaben sich glücklich und rundum zufrieden ob des schönen Tages zurück in die Heimat. Sie konnten viele schöne Eindrücke mitnehmen, und auch die Erkenntnis, dass diese vielen schönen Eindrücke nur deshalb zustande gekommen sind, weil in dieser Region alle Verantwortlichen gemeinsame Interessen haben und auch willens sind, diese gemeinsam in die Praxis umzusetzen. Aber es können sich andere Regionen ja ein Beispiel am Waldviertel nehmen!
Martin


Auf Initiative der NÖVOG werden heuer die im Text erwähnten Werbetafeln auch entlang der MzB aufgestellt. Ein weiterer, wichtiger Schritt zur besseren Vermarktung der MzB.

Informationen zu den Nostalgie – Angeboten auf den Waldviertler Schmalspurbahnen gibt es im beiliegenden Werbefolder, außerdem im Katalog Erlebnis Bahn & Schiff, sowie im Internet unter
www.erlebnis-bahn-schiff.at
www.waldviertlerbahn.at
Der Waldviertler Schmalspurbahnverein ist seit langem Partner von erlebnisbahn.at:
www.erlebnisbahn.at/wsv.

Ausgabe 16:  0  1  2  3  4  5  6  7  8  9  10  11  Übersicht
Die Mariazellerbahn Freunde der Mariazellerbahn Nachlese