Ausgabe 16 vom April 2004
Volle Züge am Šargan

Wie auf dem Balkan eine Erlebnisbahn zurückkehrte
Šargan, Herbert Ortner


Šargan, Herbert Ortner

Bild 1: Unterhalb der im Text erwähnten Aussichtsplattform befördert 83-173 einen Personenzug talwärts.
Bild 2: 83-173 mit dem derzeit vollzähligen Bestand an Reisezugwagen im Bhf. Mokra Gora
Bild 3: 83-173 vor dem Rohbau des neuen Heizhauses in Šargan-Vitasi
Bild 4: Mit Volldampf bringt 25-27 einen Fotogüterzug vom westlichen Streckenende nach Mokra Gora. Noch in den Achzigern führte sie die Züge zur Abtragung der Gleise.

Alle Fotos stammen von Herbert und entstanden anlässlich einer Gruppenreise im September 2003
Šargan, Herbert Ortner


Šargan, Herbert Ortner
Man stelle sich eine Schmalspurbahn vor, die an einem stillen Talschluss am Hindernis eines Bergpasses ansteht und sich nun aufmacht, diesen mittels einer perfekt in die Berglandschaft integrierten Schleifenentwicklung zu überwinden, und anschließend im Scheiteltunnel der Strecke untertaucht. Natürlich kennen wir eine solche Strecke, wir denken sogleich an die Nordrampe der Mariazellerbahn mit dem Gösingtunnel. Nun stelle man sich dazu aber noch einen großen Knoten in der Linienführung vor. Dann sind wir am Šargan-Pass in Westserbien angekommen, wo seit 1999 eines der faszinierendsten Wiederaufbau-Projekte in der Geschichte der touristischen Eisenbahnen von Statten ging.

Die Bahn über das Šargan-Gebirge in Westserbien wurde in den 20er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erbaut, als das nach dem Ersten Weltkrieg entstandene jugoslawische Königreich vor dem Problem stand, die Landesteile innerhalb der neuen Grenzen durch gebirgiges und unwegsames Gelände miteinander zu verbinden. Zwischen Sarajevo und Belgrad wählte man eine Verbindung der unter der Donaumonarchie errichteten Bosnischen Ostbahn mit dem ebenfalls in 760 mm Spur errichteten westserbischen Schmalspurnetz, die Linienführung mittels der erwähnten Querung des bereits in Serbien gelegenen Šargan-Gebirges.

So entstand eine schmalspurige Hauptstrecke, auf der bis zu 40 Zugpaare täglich unterwegs waren, darunter Schlafwagenverbindungen und Schnellzüge mit Dieseltriebwagen auf Langläufen von über 680 Kilometern von Belgrad nach Dubrovnik. Den Niedergang dieses einzigartigen Schmalspurnetzes, das einst Bosnien-Herzegowina, weite Teile Serbiens, des dalmatinischen Küstenlandes und Montenegros erschloss, brachte der Bau normalspuriger Neubaustrecken, welcher das Netz immer mehr zerriss und die schmalspurigen Reste als bloße Zubringerlinien zurück ließ. Als einer der letzten Abschnitte verblieb die Bosnische Ostbahn von Sarajevo bis Titovo Uzice, eingestellt im Jahr 1974.

Der Wiederaufbau:

Angeblich soll Staatsoberhaupt Tito höchstpersönlich den Erhalt der spektakulären Bergstrecke als technisches Denkmal gefordert haben, und tatsächlich wurden die Gleise erst gegen Ende der Achziger-Jahre, lange nach seinem Tod abgetragen. Hätte man sich nur noch ein wenig länger damit Zeit gelassen, wären die Sorgen in diesem Teil Europas wohl andere gewesen, als verrostete Gleise aus der Landschaft heraus zu reißen...

Einige Jahre nach den hinlänglich bekannten Grausamkeiten des Bürgerkrieges beschlossen 1999 das serbische Tourismus- und das Eisenbahnministerium den Wiederaufbau der Strecke von Mokra Gora nach Šargan Vitasi, einschließlich der Schaffung eines touristischen Rahmenangebots. Die Bahn wird dabei eine wesentliche Rolle in der Wiederbelebung einer von Abwanderung aus einer kleinbetrieblich-landwirtschaftlich geprägten Region spielen. Der nahe Nationalpark Tara, die Erweiterung des Kurbetriebes an den Mineralquellen von Mokra Gora und die Errichtung von Hotelanlagen überschaubarer Größe sollen für eine Belebung mittels sanftem Tourismus und der Schmalspurbahn als verbindendem Element sorgen.

Am 30. August 2003 war es dann auch soweit: Der öffentliche Probebetrieb wurde behördlich genehmigt und seit dem ersten Tag erfreuen sich die vorerst mit Diesellokomotiven geführten Planzüge größter Beliebtheit.
Die Strecke

Die "Talstation" Mokra Gora ist nur wenige Kilometer von der bosnischen Grenze (genauer zu der in Bosnien-Herzegowina gelegenen "Republika Srpska") entfernt gelegen. Hier wurde neben der für den Bahnbetrieb notwendigen Infrastruktur auch einiges für die Gäste geschaffen: Das wieder aufgebaute Empfangsgebäude, neben dem zur Zeit auch ein Hotel entsteht, ist ein hervorragendes Restaurant und der Gastgarten am Bahnsteig lädt nicht nur Eisenbahnfans zum Verweilen bei serbischen Spezialitäten und einem gepflegten Getränk ein. Ein kurzes Stück außerhalb, parallel zur "Talkehre", wurde als ergänzende Attraktion eine Waldbahn mit 600 mm Spurweite zu einem Picknickplatz am Talgrund errichtet.

Die Hauptstrecke selbst gewinnt rasch an Höhe, die Aussicht ins Tal auf den Ausgangspunkt erinnert tatsächlich frappant an den Blick auf Laubenbachmühle. Auf halber Strecke ist die Station Jatare gelegen. Zur Zeit des regulären Betriebes nur eine Betriebsausweiche, ist hier heute ebenfalls ein Restaurant eingerichtet, zu dem von Mokra Gora ein Promenadenweg heraufführt. Im folgenden Tunnel kreuzt die Strecke zwei Mal sich selbst, so dass die Linienführung die Figur der Zahl Acht beschreibt. Diese Trassierung wurde gewählt, um die Überwindung der Höhendifferenz von knapp 240 Metern mit einer Maximalsteigung von 18 Promille zu bewältigen, eine Aussichtsplattform an der obersten Ebene bietet einen hervorragenden Blick auf die beiden darunter gelegenen Trassen. Details wie dieses lassen den touristischen Schwerpunkt des Projekts deutlich zu Tage treten.

Nach dem Scheiteltunnel ist rasch der Endbahnhof Šargan Vitasi erreicht. Bis hierher hat der Zug auf 15 Kilometer Streckenlänge 20 Tunnels und fünf Stahlträger-Brücken hinter sich gelassen.

Ausblick

In Šargan Vitasi entsteht zur Zeit ein dreiständiges Heizhaus, welches künftig die Lokomotiven der Šarganbahn und langfristig auch jene aus dem Museum in Pozega beherbergen soll. Eine zweite Lok der Reihe 83 steht schon kurz vor der Wiederinbetriebnahme, dringlichstes Projekt ist dann die Beschaffung neuer Reisezugwagen, da der Betrieb vorerst mit zwar historisch authentischen, aber nur in geringer Zahl vorhandenen Behelfspersonenwagen durchgeführt wird.

Für die Zukunft ist die Verlängerung der Strecke an beiden Enden geplant. Von Mokra Gora westwärts liegen bereits ca. 1.5 km Gleise in Richtung Grenze, das ersehnte Ziel ist Višegrad in der Republika Srpska. Dort erhofft man sich von der Bahn eine Wiederbelebung des Tourismus, nachdem das sehenswerte kulturelle Erbe der Region weitgehend dem Bürgerkrieg zum Opfer gefallen ist.

Von Šargan Vitasi in Richtung Osten soll dann eine Verbindung mit der Normalspur-Hauptstrecke Belgrad–Bar hergestellt werden. Spätestens dann soll die Schmalspurbahn auch wieder eine Rolle als aktives öffentliches Verkehrsmittel spielen.

Realisiert werden konnte dieses außergewöhnliche Projekt allerdings nur durch die umfangreiche staatliche Förderung im Zuge umfangreicher raumplanerischer Maßnahmen, als Teil eines Gesamtkonzepts zur Belebung einer ganzen Region. Auch wird der Betrieb von der staatlichen JZ mit deren Personal geführt und der Fuhrpark in deren Werkstätten aufgearbeitet.

Es zeigt sich am Beispiel der Šargan-Bahn auch besonders deutlich, dass eine Strecke, die erst einmal aus der Landschaft verschwunden ist, wenn überhaupt, nur mit ungleich größerem Einsatz und finanziellen Mitteln wieder zurückgeholt werden kann, im krassen Gegensatz zu einer bestehenden Bahn, für die alle mit Weitblick und Umsicht an einem Strang ziehen. Zweifellos ist die Šargan-Bahn eine Strecke, mit der bestimmt auch viele Freunde der Mariazellerbahn Freundschaft schließen werden. Wir wünschen ihr auf jeden Fall schon jetzt viel Erfolg und viele volle Züge!
Herbert

Literatur: Zeitschrift "Schmalspur" 3-2001 und 2-2003.
Bilder von der Eröffnung in der Ausgabe 3-2003

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