Ausgabe 11 vom November 2002
Stromversorgung der Mariazellerbahn EVN im Internet
An der Elektrifizierung der MzB wird, trotz fallweisem "Diesel unterm Schnürl", sicher festgehalten, auch wenn - und das muss wieder einmal erwähnt werden - die Neuanschaffung von elektrisch betriebenen Fahrzeugen, egal ob Lok oder Triebwagen - durch die Einzigartigkeit des E-Traktion auf einer Hauptbahn mit 760 mm Spurweite - wesentlich teuerer kommt.

Es freut uns, dass wir endlich diesen wesentlichen Teilbereich der Mariazellerbahn vorstellen können und bedanken uns bei Herrn Dipl.-Ing. Eckmaier von der EVN Landesdirektion und Martin Walsberger vom Kraftwerk Erlaufboden für die umfangreiche Unterstützung.
Maschinensatz im KW Erlaufboden, Martin Walsberger
Dass die MzB elektrifiziert ist, weiß jeder. Dass es so bleibt, hofft auch jeder. Nicht so bekannt hingegen ist, dass der gesamte Bereich der Stromversorgung, im Prinzip von der Erlauf bis zum Berührungspunkt zwischen Fahrdraht und Bügel - in die Zuständigkeit der EVN AG, Energie Versorgung Niederösterreich, fällt. Und völlig unbekannt ist, dass trotz der Wirren der beiden Weltkriege und der vielen Änderungen in dieser schnelllebigen Zeit noch immer ein - wenn auch modifizierter - Vertrag aus dem Jahre 1908 gilt und - soviel kann vorausgeschickt werden - zu vollen Zufriedenheit beider Vertragspartner täglich mit Strom erfüllt wird. Maschinensatz im KW Erlaufboden,
von links: Drehstromgenerator 50 Hz, Wechselstromgenerator 25 Hz, Francis-Turbine.
Martin Walsberger

MzB als Keimzelle der EVN
Im Jahre 1907 hatte der Landtag des damaligen Kronlandes Erzherzogtum Österreich unter der Enns die gesetzlichen Grundlagen für die Finanzierung einer Wasserkraftanlage an der Erlauf geschaffen. Anstoß für die Errichtung des Kraftwerkes war die geplante Elektrifizierung der Mariazellerbahn, doch wurde das Projekt so erweitert, dass auch die an der Mariazellerbahn liegenden Orte mit Strom versorgt werden konnten.

Über den steinigen Weg bis zur Bewilligung dieser Anlage samt der Gehirnwäsche eines zögerlichen Landtagsabgeordneten in den Zinken gibt es in der Literatur zahlreiche Schilderungen, z.B. im Buch Die Mariazellerbahn ab Seite 63.

Auch über den beschwerlichen Bau des unter dem Namen Niederösterreichische Landes-Elektrizitätswerke (LEW) bekannt gewordenen Kraftwerkes Wienerbruck könnte seitenlang berichtet werden, denn ähnlich wie beim Gösingtunnel wurde mit genialen Improvisationen der Bau vorangetrieben.

Die Grundlage für die Stromversorgung war ein Vertrag über die Lieferung elektrischer Energie für Betriebszwecke der Lokalbahn vom 9.9.1908, abgeschlossen zwischen der Aktiengesellschaft "Lokalbahn St. Pölten - Kirchberg a. d. Pielach - Mank" und der Firma "Erzherzogtum Österreich unter der Enns Landeselektrizitätswerk". Dieser Vertrag wurde im Laufe der Jahre von LEW auf NEWAG und dann auf die EVN übertragen (auf der anderen Seite ging er den langen Weg bis zur heutigen ÖBB) und regelt noch heute neben der Stromversorgung auch die Fahrleitungserhaltung und Erneuerung.

Vielleicht weniger bekannt: In St. Pölten wurde für die Stromversorgung in der niederschlagsarmen Jahreszeit gleichzeitig ein Dieselkraftwerk gebaut. Diese Vorsorge hat sich im Laufe der Jahre als unbegründet erwiesen, das ehemals schmucke Gebäude sieht man noch heute unmittelbar vor der Stockingerbrücke beim Alpenbahnhof.

Kraftwerke und Anlagen
Für die Stromversorgung für die gesamte Mariazellerbahn und die Region entlang der Strecke mit 25-Hz-Industriestrom dienten ursprünglich 4 Stück 25-Hz-Drehstromgeneratoren im Kraftwerk Wienerbruck mit einer Gesamtleistung von 6.600 kVA, davon betrug die einphasige Leistung für die Bahnversorgung 4.500 kVA. Die Maschinensätze wurden und werden vom Wasser der Lassing und der Erlauf angetrieben.

Der von den Generatoren im Kraftwerk Wienerbruck erzeugten Bahn-Strom mit 6,5 kV wurde einerseits direkt in die Fahrleitung in der Nähe des Kraftwerkes eingespeist und andererseits auf 27 kV aufgespannt und über die Übertragungsleitung zu den Unterwerken in Kirchberg und Ober-Grafendorf geliefert.

Einige Jahre später wurde unterhalb vom KW Wienerbruck der Ausgleichsweiher Stierwaschboden und das Kraftwerk Erlaufboden mit 3 Maschinensätzen errichtet. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wurden die veralteten Kraftwerks- und Verteilanlagen erneuert und seit 1970 präsentiert sich die Stromversorgung in einer verbesserten Form. Den Bahnstrom erzeugt jetzt normalerweise der 2,8 - MVA - Maschinensatz im Kraftwerk Erlaufboden. Er besteht aus je einer Synchronmaschine für 25-Hz-Einphasenstrom, 50-Hz-Drehstrom und einer Francisturbine.

Ein betagter kleinerer Umformersatz in Erlaufboden und zwei alte 25-Hz-Maschinensätze im KW Wienerbruck dienen als Reserve für die Bahn. Zwei weitere Generatoren in Wienerbruck und 3 in Erlaufboden mit zusammen 11,5 MVA erzeugen Drehstrom mit 50 Hz.

Das Rückgrat des Bahnnetzes bildet heute die 27-kV-Ringleitung zwischen den beiden Kraftwerken und dem neu gebauten Unterwerk Gösing, sowie die Übertragungsleitung vom UW Gösing zum neu gebauten UW Rabenstein. Nach Inbetriebnahme dieser Anlagen wurde die direkte Fahrdrahtspeisung bei Wienerbruck und die UW Kirchberg und Obergrafendorf stillgelegt.

Gelegentliche frühere Spannungsprobleme im Gebirgsabschnitt der Strecke gehörten damit zur Vergangenheit, Heute werden von der besetzten Schaltwarte im KW Erlaufboden neben den eigenen Maschinen auch die Maschinensätze des KW Wienerbruck ferngesteuert, die Zwischenumspannwerke Gösing und Rabenstein werden von der Netzleitstelle St. Pölten fernüberwacht und -gesteuert.

Die Leitungen
Die Intentionen der Gründer und die historische Entwicklung brachte es mit sich, dass immer schon Stromleitungen der Bahnstrom- und der öffentlichen Versorgung auf den gleichen Stützpunkten entlang der Bahnlinie geführt wurden. Auch nach der Übernahme des Bahnbetriebes durch die Österreichischen Bundesbahnen im Jahre 1922 und der Umstellung der öffentlichen Versorgung auf 50-Hz-Drehstrom und Einführung der 20-KV - Verteilebene blieben viele Kilometer Gemeinschaftsleitungen.

Bedingt durch die Geographie des Alpenvorlandes war und ist eine gemeinsame Führung von ÖBB- und EVN - Leitung eine sinnvolle und umweltschonende Symbiose. Derzeit befinden sich noch ca. 21 km 20-kV-Leitung auf Bahngestänge, wobei vor allem in den 70-iger- und Anfang der 80-iger Jahre eine eigene 20-KV-Leitung (Pielach - Schiene) zwischen Loich und Frankenfels gebaut wurde, sodass sich in diesem Bereich nur mehr die 27-KV und 6,5-kV-Leitung auf Bahngestänge befinden.

EVN - Monteure für die Fahrleitungsanlagen
Die Erhaltung und Erneuerung der Fahrleitungsanlagen, die den ÖBB gehören, wird im Einvernehmen und auf Kosten der ÖBB durch EVN - Monteure durchgeführt.

Die Bahnbetriebsstelle Kirchberg an der Pielach weicht von den konventionellen Betriebsstellen der EVN wesentlich ab, denn der Fahrleitungserhaltungsdienst ist ein Spezialfach und erfordert eine dementsprechende Ausbildung des Personals, so sind für den Einsatz des Turmwagens natürlich die entsprechenden ÖBB Prüfungen abzulegen. Das Personal ist zwei vorgesetzten Dienststellen, ÖBB und EVN, unterstellt und muss auch die Eigentumsverhältnisse an der Anlagen berücksichtigen.

Die heute 6 Mitarbeiter in diesem Bereich stehen für die MzB 7 Tage die Woche rund um die Uhr bereit.
Dipl.-Ing. Eckmair, EVN
Ronny

Der 6. September 2002 aus der Sicht des Kraftwerkes Erlaufboden:
Deutlich ist auf der Leistungskurve der Panoramic 760 zu erkennen, der an diesem Tag als 14 - Wagen Zug mit 2 x 1099 geführt wurde (einige Anmerkungen zur Hinfahrt wurden eingefügt).
Die Reihe 4090 wurde mit einer Rückspeisung ausgerüstet, daher ist auch deutlich zu erkennen, bei welchen Umläufen an diesem Tag der Dreiteilige eingesetzt wurde.

Aus drucktechnischen Gründen wurde die Messkurve freigestellt und die Nulllinie und der Zeitraster nachgezeichnet.
Leistungskurve bei einem 14 Wagen Zug

Übersichtsskizze
Kraftwerkschema, zvg Martin Walsberger

Stauanlagen: Wienerbruck Erlaufklause Stierwaschboden
Oberfläche in ha 9,9 23,3 2,3
Inhalt in m³ 252.000 1.700.000 45.000
Stollenlänge in m 1.443 2.232 3.546
Druckrohrleitung:
Länge in m 290 270 130
Rohgefälle in m 171 159 79
Durchmesser in mm 900 1100 1.500

Kraftwerk Wienerbruck Engpaßleistung 7830 kW
Krafthaus Turbine 1 Turbine.2 Turbine 3 Turbine 4
Wasserversorgung Stausee Wienerbruck Stausee Erlaufklause
Turbine Pelton Pelton Pelton Francis
Baujahr 1973 1908 1908 1972
Umdr./min 375 375 375 750
Leistung in KW 2100 990 990 4800
Frequenz in Hz 50 25 25 50
Schluckvermögen in m³/s 1,49 0,99 0,93 3,5
 
Kraftwerk Erlaufboden Engpaßleistung 3400 kW
Krafthaus Turbine 1 Turbine.2 Turbine 3  
Turbine Francis Francis Francis  
Baujahr 1923 1923 1923  
Umdr./min 750 750 750  
Leistung in KW 1400 1400 1400  
Frequenz in Hz 50 50/25 50/25  
Schluckvermögen in m³/s 2,4 2,4 2,4  

Die EVN AG feiert in diesen Tagen das 80-jährige Bestehen, auch ein Grund für diesen Artikel.

Der Kontakt zu Herrn Dipl.-Ing. Eckmair entstand 1998 im Rahmen der Vorbereitungen zur Feier 100 Jahre Pielachtalbahn.
Bemerkenswertes Detail: Von der EVN kam der Artikel für die geplante Festschrift bereits bei der ersten Redaktionssitzung, verbunden mit einer fixen Finanzierungszusage. [ Nachlese ]
Das kleinliche Gezänk rund um die weiteren Artikel und der Finanzierung dieser Festschrift war auch einer der Gründe, warum unser Verein gegründet wurde.
Ronny
Die Oberleitung samt den Masten und den Schaltgerüsten beschreiben wir aus Platzgründen erst in der nächsten Ausgabe auf Basis der funktionsfähig elektrifizierten Modulanlage vom Team Achleitner / Kaufmann.

Ausgabe 11:  0  1  2  3  4  5  6  7  8  9  10  Übersicht
Die Mariazellerbahn Freunde der Mariazellerbahn Nachlese