Ausgabe 10 vom August 2002
(Doch k)eine Abschiedsfahrt
Das Voralpenwiesel wieselt vorerst weiter
5090 bei St. Leonhard, Herbert Ortner
Hartnäckig hielten sich die Gerüchte um eine bevorstehende Einstellung eines weiteren Teilstückes der "Krumpe", des Abschnittes von Mank nach Ruprechtshofen mit Anfang Juni. So unwahrscheinlich schien es ja tatsächlich nicht, dass mit Fahrplanwechsel wieder einmal die altbewährte Salamitaktik zuschlagen würde (Der geneigte Leser weiß schon: Heut' ein Stückchen, morgen ein Stückchen und irgendwann ist die Wurst ganz weg ...)
Besagter Abschnitt schien schon seit längerem nicht nur uns Insidern akut stillegungsgefährdet, das Fahrgastaufkommen ist - nicht zuletzt wegen des "optimierten" Fahrplanes - äußerst bescheiden, lediglich für den Schülerverkehr ist das minimalistische Zugangebot, wie man es zuvor schon vom Streckenteil nach Wieselburg an der Erlauf kannte, noch halbwegs brauchbar. Die letzten Pendler sind, nicht zuletzt aus Mangel an Verbindungen, ohnehin schon aufs eigene Kfz umgestiegen und vermutlich nicht mehr zurückzugewinnen. Fairerweise muss an dieser Stelle aber auch erwähnt werden, dass die Verkehrsströme von Ruprechtshofen und St. Leonhard nahezu vollständig nach Melk orientiert sind und eine öffentliche Verkehrsleistung, für die nur so geringer Bedarf besteht, nur dann eine Chance hat, wenn sie von deren Eigentümern (nicht unbedingt den Betreibern!) als eine Serviceleistung an der Bevölkerung verstanden wird, die dann auch etwas kosten darf.

Da dieses Verständnis selten geworden ist, begaben sich an den letzten Wochenenden im Mai zahlreiche Schmalspurbahnfreunde (wieder einmal) auf Abschiedsfahrt. Am Sonntag dem 2. Juni befanden sich also auch meine Wenigkeit, sowie ein beruflich an Fragen des öffentlichen Verkehrs interessierter Freund im 6843, betafelt als Ötscherwiesel. Auf der Alm stieß noch Martin Geyer hinzu, am Führerstand des 5090 hatte auch ein Kamerateam irgendwie Platz gefunden. In Mank verließ der letzte "normale" Fahrgast den Triebwagen, wir fuhren bis St. Leonhard am Forst mit, damit wir ohne Stress trotz der kurzen Wendezeit in Ruprechtshofen noch zu einer passablen Aufnahme auf freier Strecke kommen würden. Diese gelang uns in der bekannten Kurve östlich von St. Leonhard, Petrus hatte auch ein Einsehen mit uns und schob gerade noch rechtzeitig eine Wolke von der Sonne weg, dann machten wir uns zu Fuß entlang der Strecke auf den Weg nach Mank.

Hier offenbart sich dem aufmerksamen Beobachter allerdings auch, dass eine allzu optimistische Einschätzung der Lage der Bahn dennoch eher nicht angebracht ist. Der Oberbau westlich von Lehenleiten ist nämlich in einem denkbar unerfreulichen Zustand, der Bewuchs an einigen Abschnitten erinnert weiter gereiste Eisenbahnfreunde mitunter an die "Rasengleise" einiger - inzwischen leider durchwegs stillgelegter - osteuropäischer Schmalspurbahnen. Zahlreiche Schwellen sind praktisch zerfallen und die Nägel kann man mitunter mit zwei Fingern herausziehen. Selbstverständlich haben wir dort, wo wir die Probe aufs Exempel machten, die Nägel wieder in die Schwellen zurückgesteckt, oder soll man besser sagen, in ihre Löcher hineinfallen gelassen? Freunde der Mariazellerbahn machen sich schließlich nicht des Vergehens des Bahnfrevels schuldig!

Es wäre schon fast zum Lachen, wenn es nicht zum Weinen wäre: An einigen Stellen wachsen tatsächlich die allerbesten Erdbeeren mitten auf den Gleisen. Eine geniale Marketingidee reifte in unseren Köpfen, als wir uns an ihnen labten. Man könnte doch Abenteuerzugfahrten ins Erdbeerland anbieten. Solchermaßen würde man immerhin gleich zwei Probleme auf einmal lösen. Man findet neue Fahrgäste und diese würden auch noch dafür bezahlen, dass sie den Gleiskörper roden dürfen...

Nun aber genug der zynischen Gedanken. Freuen wir uns, dass zumindest vorerst noch ein Stück im Streckennetz der Mariazellerbahn erhalten geblieben ist, die Überraschung darüber war ohnehin groß genug.

Eine Kleinigkeit wäre da aber trotzdem noch, eine Frage, auf die ich selbst leider keine Antwort weiß. Die allseits beliebten neuen Spielkonsolen, die auf den Bahnhöfen aufgestellt wurden, von Unwissenden gerne fälschlich als "Fahrscheinautomaten" tituliert, spucken in Wien (in St. Pölten aber nicht) Fahrscheine zu Zielen über Mank hinaus nur in einer Variante aus, die zwar bekanntlich gar nicht mehr befahrbar ist, aber deren Fahrpreis dennoch verrechnet wird - über Pöchlarn!

Als wir diesen höchst interessanten Tag dann bei einem kultivierten Getränk ausklingen ließen, rief sich wie schon so oft die Erkenntnis in Erinnerung, dass volle Züge immer erstrebenswerter sind als Abschiedsfahrten.
Herbert Ortner
Das Bild [ unten ] zeigt 5090 015 in der bekannten Kurve östlich von St. Leonhard am Forst

Ein anonymer Freund der MzB beweist,
dass das Ernten von Schienennägeln mitunter einfacher ist, als Schwammerln zu sammeln

Schienennagel


Schienenschraube


Erdbeeren


Ticket

Änderung im Vorstand
Norbert Hirschmüller hat mit Ende Juni seine Funktion als Kassier Stv. zugunsten von Ing. Herbert Ortner zurückgelegt.
Bei der Vorstandsitzung am 03.08. wurde Ing. Herbert Ortner gemäß Pkt. 10.3 unserer Statuten vorläufig in den Vorstand kooptiert.
Der Vorstand bedankt sich bei Norbert Hirschmüller für die Unterstützung in einer schwierigen Zeit.

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